Bericht zum DGfS-Weiterbildnertreffen 2013

 

  

  

  

  

von Peter Bourquin

Im unmittelbaren Vorfeld der DGfS Tagung zum Thema „Gelebte Spiritualität in Beruf und Alltag“ trafen sich die anerkannten Lehrtherapeuten und Lehrtrainer der DGfS zur 3. Vollversammlung der Weiterbildner in München. Die 1. und 2. Vollversammlung hatte 2009 und 2011 in Berlin stattgefunden. 35 der insgesamt 82 Lehrtherapeuten/Lehrtrainer nahmen daran teil, wie auch der Vorstand der DGfS: Barbara Innecken, Christopher Bodirsky und Volker Fleïng.

Nach einer Begrüssungsrunde nahm das Treffen unter der Leitung von Birgit Theresa Koch und Heiko Hinrichs Fahrt auf. Es begann mit der Präsentation der Ergebnisse der Umfrage des Weiterbildungsausschusses vom Frühjahr 2012. Zusammenfassend lässt sich hierzu sagen: Die Qualitätsarbeit der Lehrenden in der DGfS geniesst ein hohes Ansehen. Zugleich besteht bei vielen Lehrtherapeuten der Wunsch nach mehr Vernetzung und Zusammenarbeit.

Als spezieller Gast war Dr. Jan Weinhold eingeladen, um über die neuesten Ergebnisse der ersten randomisierten Studie über die Wirksamkeit von Systemaufstellungen der Universität Heidelberg zu berichten. Die vierjährige Forschungsstudie (2009-2013) wurde mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert und ist die bisher wohl umfangreichste und nach wissenschaftlichen Standards anspruchvollste Wirksamkeitsstudie über die Aufstellungsarbeit.

In dieser sogenannten ‚Heidelberger Studie‘ wurde die Wirksamkeit von Systemaufstellungen bezüglich der psychischen Befindlichkeit in einer randomisiert-kontrollierten Studie (RCT) erfasst. Eine nichtklinische Stichprobe von 208 erwachsenen Teilnehmern aus der Allgemeinbevölkerung wurde randomisiert, einer Experimentalgruppe oder einer Wartelistenkontrollgruppe mit späterer Intervention zugewiesen. Beide Studienarme bestanden aus jeweils 64 aktiven Teilnehmern, die ein Anliegen in einer Aufstellung thematisierten sowie 40 teilnehmenden Beobachtern ohne eigene Aufstellung. Die Wirksamkeit wurde zunächst zwei Wochen und dann wiederum vier Monate nach dem Aufstellungsseminar mit etablierten Messinstrumenten aus der Psychotherapieforschung mit Hilfe dreier Fragebögen eingeschätzt. Alle Systemaufstellungsseminare fanden in einem Gruppentherapieraum im Institut für Medizinische Psychologie der Universität Heidelberg statt. Geleitet wurden sie von Dr. Gunthard Weber oder von Dr. Diana Drexler, dem ehemaligen und der aktuellen Leiterin vom Wieslocher Institut für systemische Lösungen, die jeweils vier dreitägige Seminare durchführten.

Als Ergebnisse zeigten sich zwei Wochen nach den Systemaufstellungen mittlere Effekte im Subgruppenvergleich für die Gesamtscores der drei Fragebögen. Die Effekte waren konsistent und wurden durch kleine bis mittlere Effekte in allen 11 Subskalen der drei Fragebögen bestätigt. Auch vier Monate nach der Intervention blieben die verbesserten Werte stabil. Bei den Teilnehmern der Wartekontrollgruppe gab es in diesem Zeitraum keine Veränderung. Die Langzeitergebnisse (1Jahr nach  der Aufstellung) stehen noch aus.

Die dargestellten Ergebnisse belegen eindeutig die Wirksamkeit von Systemaufstellungen hinsichtlich zentraler Variablen wie psychische Gesundheit, verbesserte psychische Befindlichkeit, verminderte psychische Belastung sowie vermehrte Kongruenz der betroffenen Personen.

Mit den Worten von Dr. Jan Weinhold: „Nach unseren Ergebnissen können Systemaufstellungsseminare bei Teilnehmern geringe bis mittlere Effektstärken erzielen. Diese sind teilweise geringer als bei langfristigen Psychotherapien, jedoch für die einmalige dreitägige Intervention sehr beachtlich. Insofern können Systemaufsteller zwar hinsichtlich der Wirksamkeit ihrer Methode selbstbewusst auftreten, sie sollten gleichwohl realistisch bleiben.“

In der nachfolgenden Diskussion wurde Verschiedenes deutlich: zum einen überraschten die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse wohl niemanden der anwesenden Personen, bestätigen sie ja die Erfahrungen der Aufsteller mit ihrer Arbeit. Jedoch ist es sehr begrüßenswert, dass nun auch in wissenschaftlichen Kontexten die Methode erforscht und ernstgenommen wird. Es ist nun wichtig, die Heidelberger Studie bekannt zu machen, da sie eine positive Außenwirkung auf die Methode des Familienstellens haben und zukünftige Forschungsstudien anregen dürfte. Dazu hat Dr. Jan Weinhold die bisherigen Forschungsergebnisse zusammen gefasst, sie sind unter www.familienaufstellung.org/forschung_heidelberg als pdf Datei herunter zu laden.

Am zweiten Tag des Treffens gab es eine anregende Diskussion zu der Frage: „Systemaufstellungen – eigenes Verfahren, Methode oder was?“

Zu Beginn las Birgit Theresa Koch die Definition eines psychotherapeutischen Verfahrens vor:
„Ein zur Krankenbehandlung geeignetes Psychotherapieverfahren ist gekennzeichnet durch eine umfassende Theorie zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Krankheiten
 und ihrer Behandlung. Ebenso kennzeichnet es sich durch eine oder mehrere darauf bezogene psychotherapeutische Behandlungsstrategie(n) für ein breites Spektrum von Anwendungsbereichen sowie darauf bezogene Konzepte zur Indikationsstellung, zur individuellen Behandlungsplanung und zur Gestaltung der therapeutischen Beziehung. Ein wissenschaftlich anerkanntes Psychotherapieverfahren muss für eine Mindestbreite von Anwendungsbereichen wirksam sein, d.h. 5 von 12 großen Diaganosegruppen bzw. Anwendungsbereichen in der Erwachsenenpsychotherapie.“

Diese Definition machte deutlich, dass es sich bei den Systemaufstellungen nicht um ein eigenständiges Verfahren handelt, da es zur Krankenbehandlung weder eine umfassende Theoriebildung gibt noch eine kontinuierliche Behandlungsplanung allein mit Systemaufstellungen.
Entsprechend erschien das Selbstverständnis der Aufstellungsarbeit als „Methode“ geeigneter  zu sein. Psychotherapiemethoden verstehen sich als „Add-ons“ zu anerkannten Psychotherapieverfahren, sie sind durch  Nennung von 1-2 Störungen, durch Indikationskriterien sowie eine Beschreibung der Vorgehensweise definiert. Anerkannte Methoden sind beispielsweise die Hypnotherapie, EMDR oder die Behaviorale Therapie.

Auch wenn eine kassenärztliche Anerkennung der Aufstellungsarbeit wohl in weiter Ferne liegt, wäre eine verstärkte Konturierung unserer Methode durchaus nützlich, wobei es hier um einen mittleren Weg zwischen versteinernder Festlegung und Beliebigkeit gehen sollte.

Eine weitere interessante Reflexion lag den Fragen zugrunde: „Sind wir in der Phase des jungen Erwachsenwerdens?“ und „Wohin wollen wir wachsen?“. Betont wurden der Pluralismus und die Vielfalt in der Aufstellungsarbeit: es gilt, Weite zu bewahren, um offen zu bleiben für die verschiedenen Richtungen innnerhalb des Aufstellerfeldes.

Weitere Themen, die am zweiten Tag zur Sprache kamen:
Die Anerkennung von Weiterbildungen durch die DGfS soll weiter bestehen bleiben,   dies wurde mit grosser Mehrheit befürwortet.

Es wurde sich erneut dagegen ausgesprochen, eine eigene Ethikkommission zu bilden, da bereits seit Jahren eine Ombudstelle in der DGfS besteht, die von Monika Hörter als Ombudsfrau gut ausgefüllt wird. Doch  gab es deutliches Interesse, ethisches Verhalten ins Bewusstsein zu rücken, z.B. mittels eines Workshops nächstes Jahr auf dem Mitgliedertreffen in Uslar oder als Seminarangebot auf der nächsten Vollversammlung der Weiterbildner. Zur nächsten Vollversammlung soll auch Monika Hörter eingeladen werden, damit sie aus ihrer Erfahrung berichten kann.

Christopher Bodirsky vom Vorstand  brachte außerdem eine mögliche Mitgliedschaft der DGfS in anderen Dachverbänden, konkret im ‚Forum Werteorientierung e.V.‘ zur Sprache.
Bezüglich der Weiterbildungsrichtlinien stellte sich die Frage, ob ein Systemaufsteller abgesehen von einer Weiterbildung im Familienstellen Kernkompetenzen als Berater oder Therapeut mitbringen müsse. Dies wurde prinzipiell bejaht, auch wenn diese Kompetenz in der Regel in Weiterbildungen außerhalb der DGfS erworben wird.

Direkt damit zusammenhängend wurde die Frage nach einer weiteren Stufe der Mitgliedschaft innerhalb der DGfS erörtert, die sich zwischen ,Basismitglied‘ und ,Systemaufsteller‘ befinden müsste, um Schülern, die eine anerkannte Weiterbildung zum Systemaufsteller durchlaufen haben, aber noch nicht den Zusatzanforderungen zum ‚Systemaufsteller‘ genügen, einen angemessenen Platz anbieten zu können (z.B. ‚Trainee‘). Dieses Thema wird von den zuständigen Gremien weiter behandelt werden.

Zu guter Letzt dankte Barbara Innecken im Namen des Vorstands Heiko Hinrichs für sein Engagement im Weiterbildungsausschuss und Roland Schilling für viele Jahre zuverlässiger Arbeit in der Anerkennungskommission. Sie wies darauf hin, wie wertvoll diese ehrenamtlich geleistete Arbeit für die DGfS ist. 

Birgit Theresa Koch setzt ihre Arbeit als Sprecherin im Weiterbildungsausschuss dankenswerterweise fort. Sie wurde, zusammen mit Gabriele Ulsamer, für die nächsten zwei Jahre gewählt.

Die Anerkennungskomission wird von Hans-Dieter Dicke weitergeführt, neu dazu kommen Detlef Bayer und Maria Senftleben-Gudrich.

Noch eine persönliche Bemerkung zum Abschluss:
Mich hat während dieser zwei Tage die angenehme Atmosphäre, die Fähigkeit zum Zuhören und zum Dialog und der achtungsvolle Umgang aller miteinander beeindruckt. Dies war wie ein roter Faden, der sich durch die gesamte Veranstaltung zog und lag nicht zuletzt auch an der hervorragenden Moderation von Birgit Theresa Koch, sowie an der gelassenen Autorität von Barbara Innecken. Diese menschlichen Qualitäten, die alle Teilnehmenden einbrachten, sind für mich der schönste Beweis menschlicher Reife und Herzenswärme. Die Weiterbildungsarbeit ist sicherlich in guten Händen!

Mit nachfolgendem Link können Sie den Bericht auch im pdf-Format downloaden:
Bericht der 3. Vollversammlung der Weiterbildner