Bericht zum Symposium der "Praxis der Systemaufstellung" - Juli 2012

„Von der seelischen und geistigen Teilhabe in Gemeinschaften“

von Dr. Thomas Latka
13.-15.07.2012 im Kloster Seeon

Rund 80 Teilnehmer haben sich im Kloster Seeon zusammengefunden und sich darüber ausgetauscht, was mit seelischer und geistiger Teilhabe in Gemeinschaften gemeint sein kann, und was es für die Aufstellungsarbeit bedeutet.

Die Veranstaltung wurde am Freitagabend mit den Kurzreferaten von Jakob Schneider, Guni Baxa, Astrid Habiba Krezmeier und Hunter Beaumont eröffnet, die aus ihren je persönlichen Perspektiven in die Thematik von Seele und Geist einführten und so das Gedankenfeld eröffneten.

Am Samstag Morgen begann der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Prof.Dr.Dr.h.c. Jan Assmann mit dem Vortrag zum Thema „Intergenerationale Familienbeziehungen im Bildprogramm ägyptischer Privatgräber“. Er berichtete von der „Scheintür“ als Kultort und Schnittstelle zwischen Diesseits und Jenseits, auf die später in der Diskussion immer wieder gerne zurück gekommen wurde. Die Bilder und Symbole sprechen eine Sprache: "Einer lebt, wenn sein Name genannt wird." Als Ägyptologe stellte er einschränkend fest, dass viele Erkenntnisse aus den Gräbern sicher nur für 2% der Welt der Ägypter zutreffen würden und man über den übrigen Teil der ägyptischen Bevölkerung leider nur Vermutungen anstellen könne.

Nach diesem Vortrag - wie auch nach allen weiteren Vorträgen - wurden alle Teilnehmer eingeladen, sich an einer Feedbackrunde zu beteiligen, die sich im inneren Stuhlkreis formierte. Jan Assman ging auf die Fragen ein und betonte die ägyptische Vorstellungen, im Jenseits nicht alleine zu sein und die Wichtigkeit, im Diesseits bei den Lebenden erinnert zu werden.

Der nachfolgende Vortrag von seiner Ehefrau, der Literaturwissenschaftlerin Prof.Dr.Aleida Assmann, behandelte die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten im Medium der Literatur.
Sie beschrieb die Grenze als Schwelle, als Kontaktzone von Toten und Lebenden und verglich Homers Odyssee mit dem Ulysses von James Joyce und deren jeweiligen Vorstellungen von den Begegnungen der Lebenden und Toten. Für Erheiterung im Saal sorgte der Hinweis, dass man im 19. Jahrhundert Klingeln in den Särgen untergebracht hatte für den Fall, dass jemand bei lebendigem Leibe zu Grabe getragen worden wäre.

In der darauf folgenden Feedbackrunde ergänzte Jan Assmann die Gesprächsrunde zur Grenze zwischen Leben und Tod durch den Hinweis auf die von der Aufklärung gezogene Grenze zwischen den Wissenschaften auf der einen Seite und dem Okkulten auf der anderen. Möglicherweise sei die Aufstellungsarbeit dazwischen platziert. Entscheidend sei: Wahrheiten, die nicht ergreifen, sind wertlos.

Abends kam es zu einem gemeinsamen Betrachten einer DVD, die eine frühere Aufstellung von Jakob Schneider zeigte. Das Ehepaar Assmann kommentierte im Anschluss die Prozesse der Aufstellung aus ihrer Sicht. Sie zeigten sich sichtlich beeindruckt von dem phänomenologischen Vorgehen und der großen Empathie, von der die Arbeit in diesem gezeigten Aufstellungsbeispiel getragen sei. Aleida Assmann hielt es für zentral, an die Stelle zu kommen, an der die Familiengeschichten verödet sind und in ihrer Dynamik zu Ende gebracht werden müssen. Anschließend beteiligten sich alle Teilnehmer in lebhafter Form an einer Diskussion der gezeigten Aufstellungsarbeit in Bezug auf die vorherigen Vorträge.

Am Sonntag führte uns Jan Assmann bei seinem morgendlichen Vortrag in die Beziehung von Geist und Seele bei Thomas Mann ein. Neben der Rolle der Romantik und der Philosophie Max Schelers kam er auf das Verhältnis von Seele und Mythos, wie auch von Geist und Monotheismus zu sprechen. Besonders Thomas Manns Ausspruch "Zum Sündigen gehört Geist" und der Parallelität von Seele („es war“) und Geist („es wird“) bleibt prägend in Erinnerung.

Aleida Assmann ergänzte den Sonntagmorgen mit einem Vortrag zum Begriff der „Generation“ in der Literaturwissenschaft. Sie erklärte die verschiedenen Generationsbegriffe und den Begriff der Generationenkette. Von der Literaturwissenschaft her beschrieb sie den Wechsel der von den 68igern initiierten kritischen Väterliteratur zu dem modernen Familienroman als den zweier idealtypischer Formen für den Umgang mit transgenerationalen Themen. Für Heiterkeit sorgte die damalige Haltung der kritischen 68iger: "Nicht gezeugt möchte man sein, sondern entsprungen."

Nach dem anschließenden Feedback der Teilnehmer ergriff Hunter Beaumont zum Abschluss das Mikrofon: Er fasste wichtige Statements der Teilnehmer zusammen und bedankte sich nicht nur für die Vermittlung des vielfältigen Wissens über die seelische und geistige Teilhabe in Gemeinschaften bei den alten Ägyptern oder in der modernen deutschen Literatur. Er legte Wert darauf, dass die Literatur durch ihren weiteren Blick häufig der Naturwissenschaft voraus sei und stellte fest, wie gut sich Aufstellungsarbeit und Literatur darin ergänzen können, das Verstehen der unbewussten transgenerationalen Weitergabe am Leben zu erhalten. Er stellte die Notwendigkeit von freien, ungezwungenen Bewegungen in Aufstellungen heraus. Aufstellungen seien als Begegnungsstätte von Generationen eine Art ägyptisches „Scheintor“. Er unterstich mit seiner persönlichen Zusammenfassung, wie bereichernd er den Beitrag des Ehepaars Assmann für das Verständnis und die Anerkennung der Aufstellungsarbeit in der Gesellschaft empfunden habe.

Die Veranstaltung, die den Teilnehmern durchaus auch genügend Zeit für den persönlichen Austausch ließ, endete am Sonntag Mittag mit bewegenden Dankesworten von Jakob Schneider an alle Engagierten, die es möglich gemacht haben, dass dieses Symposium in der gelungenen Form möglich wurde. Der abschließende anhaltende Applaus galt allen Organisatoren und Mitwirkenden und unterstrich, dass sich alle Teilnehmer gerne und bald auf einem nächsten Symposium wieder treffen würden.